Innenschuhe – das intimste Stück

Skischuhe sind wahrscheinlich der am meisten personalisierte Ausrüstungsgegenstand, den ein Skifahrer oder Tourengeher besitzt. Eine Schale aus reinem Plastik würde jedoch schlicht nicht funktionieren – hier kommen die Innenschuhe ins Spiel, die den Fuß mit der Schale verbinden, die Hohlräume ausfüllen, den Fuß warmhalten und eine optimale Kraftübertragung liefern sollen. Neben den Performance-Aspekten sollten sie gerade für den Tourenbereich auch noch bequem sein, um lange Touren ohne Schmerzen absolvieren zu können.

Ein wesentlicher Unterschied von Touren-Linern zu den „normalen“ Alpin Pendants ist, dass man bei Touren-Linern immer eine Flex-Zone hinten und vorne am Schaft etwas über Knöchelhöhe findet, um dem Fuß eine vor und zurück Bewegung zu ermöglichen. Außerdem sind die für Touren konzipierten Innenschuhe meistens wesentlich leichter. Gemein haben sie aber zumeist eine Verstärkung aus Fiberglas, Plastik oder gar Carbon am Schaft oberhalb der Knöchel.

Aber was ist, wenn ich mit Problemfüßen gesegnet bin oder mit der Performance meiner Schuhe unglücklich bin oder mein Innenschuh einfach durchgelaufen ist? Neben den „Standard-Linern“ gibt es auch einige Alternativen – auch von Drittanbietern, die sich nur auf Bootfitting oder Innenschuhe spezialisiert haben.

Mein Problem war bislang immer meine schmale Unterschenkel- und Knöchelpartie. Ich hatte immer das Gefühl, hinten im Schuh umherzufliegen, gleichzeitig hatte ich aber immer Druckstellen im Vorfußbereich – eine ungemütliche Kombination, die mir nicht nur Zeit und Nerven, sondern auch Geld auf der Suche nach einer Lösung kostete. Eine Lösung lieferte mir Jack vom Bootfitzimmer in Hallein (Interview hier), der mir zeigte, dass es neben den Standard thermoverformbaren Schaumstoff-Linern auch noch ein paar andere Materialien gibt.

Innenschuhe aus thermoverformbarem Schaumstoff

Einfach in der Handhabung für den Fachhandel, leicht und günstig sind diese definitiv die erste Wahl für Touren-Skischuhhersteller. Das Gewicht kann ordentlich nach unten gedrückt werden und das Anpassen im Shop ist nicht wirklich aufwändig, was diese Innenschuhe für den Tourenmarkt sehr attraktiv machen. Theoretisch merkt sich der in modernen Schuhen eingesetzte „Memory-Foam“ die Form des Fußes und ergibt so die optimale Passform. Klarer Nachteil hingegen ist, dass man nicht unter eine gewisse Wandstärke kommt, da sich das Material nicht unendlich komprimieren lässt. Hier könnte man eventuell die Druckstelle noch einmal zusammenpressen oder ausfräsen. Eine zusätzliche Schwäche, verglichen mit den anderen Innenschuhen, besteht darin, dass kein Material einfach so hinzugefügt werden kann. Fehlt Material um die Ferse, sodass man dort keinen Halt hat, ist es sehr mühsam, dort an den richtigen Stellen Schaumstoff-Patches anzukleben, um das zu korrigieren.

Die originalen Lange Innenschuhe meiner XT3 mit der Flex-Zone an der Rückseite.

Leider wird das Material über die Zeit immer wieder zusammengepresst und der Schaumstoff verliert seine Wandstärke, die Passform wird lockerer und es muss ein neuer Liner her, um wieder zum optimalen „Fit“ zurückzukommen. Standard-Liner verlieren bereits nach 100 Skitagen ihre Passform und das kann zu Problemen führen.

Intuition Liners

Etwas langlebiger sind Intuition Liners, die länger als Standard-Liner halten, aber doch irgendwann „durchgelaufen“ sind – vor allem im Tourenbereich. Im Endeffekt sind auch diese, was die Korrektur und das Füllen von Hohlräumen angeht, ähnlichen Grenzen ausgesetzt wie Standard-Liner mit thermoverformbarem Schaumstoff. Ein interessanter Ansatz von Intuition sind sogenannte Wrap-Liner. Anders als Innenschuhe mit Zunge sind hier, ähnlich wie bei den zweiteiligen Schalen, die Seiten weiter nach vor gefertigt und werden vor dem Schienbein überschlagen. Die extra Polsterung eben genau dort macht sie bei Freestylern sehr beliebt.

Geschäumte Innenschuhe

Anders als bei den thermoverformbaren Innenschuhen befindet sich im Rohzustand des Liners kein Füllmaterial zwischen der Außen- und Innenwand des Schuhs in gewissen empfindlichen Bereichen (z.B. um die Knöchel). Über ein Schlauchsystem wird ein Zweikomponenten-Schaum in diese Hohlräume appliziert und es wird so jeglicher Hohlraum zwischen Fuß und Schale ausgefüllt. Klarer Vorteil: Ein perfekter Sitz vom ersten Moment an. Nachteilig wäre hier das Gewicht und das man kein Material mehr nachträglich in die Hohlräume spritzen kann, da die Schläuche entfernt werden. Ein weiterer Nachteil ist, dass ich diese Schuhe nur für ein Paar Skischuhe nutzen kann.

Innenschuhe von ©Aqua Novo https://aquanovoboot.de/images/produkte/komponenten/innenschuh.jpg

Für den Einsatzbereich des Tourengehens eher ungeeignet, eignen sie sich vor allem für Skifahrer mit Problemfüßen – alten Verletzungen, schief verwachsenen Brüchen oder Ähnlichem, aber vor allem für Rennläufer, die einen absolut perfekten Sitz suchen.

Kork-Innenschuhe

„Was macht Kork in einem Liner?“, mag sich jetzt der eine oder andere denken – nur das Beste kann ich da nur sagen! Für mich sicherlich ein Augenöffner und eine Eier-legende-Wollmilch-Sau.

Die Innenschuhe von ZipFit und UltimateFit haben im Vorfußbereich lediglich eine Schicht aus Neopren mit Wolle innen und ab dem Mittelfuß – ähnlich wie geschäumte Innenschuhe – einen Hohlraum zwischen Innen- und Außenmaterial, welcher mit einer „Kork-Matrix“ gefüllt ist. Der wesentliche Unterschied zu geschäumten Linern ist, dass sich dieses Korkmaterial ständig an die Gegebenheiten anpasst. Zusätzlich kann bei Bedarf Material nachgefüllt werden und das immer wieder, im Gegensatz zu Thermo-Linern. Laut Jack muss ungefähr alle 100 Skitage nachgefüllt werden. Von meinem Gefühl sind es etwas weniger Tage, da ich mit meinem Linern auch viele Touren gehe und diese nicht dafür vorgesehen wären.

Für meine Probleme die optimale Lösung: Wenig Material im Vorfuß – sprich viel Platz – und viel Material um die Knöchel, was einen Bombenhalt ergibt. Die Innenschuhe von ZipFit haben zusätzlich am Schaft Verstärkungen aus Fiberglas, um eine noch bessere Kraftübertragung zu liefern.

Einziger Nachteil ist, dass sie ein paar hundert Gramm schwerer sind wie Standardliner – 300 g sind es im Vergleich zu meinen K2 Dispatch Pro Innenschuhen (welche auch noch das BOA-System haben). Etwas gewöhnungsbedürftig ist auch der Einstieg, da man, ohne den Liner aus der Schale zu nehmen, kaum in den Skischuh kommt, da die Ferse derartig fest ist. Man zieht zuerst den Innenschuh an, verschnürt diesen, schließt den Klettverschluss und schlüpft dann samt Innenschuh in die Schale.

Fazit

Im Endeffekt gibt es den einen perfekten Skischuh nicht, aber es gibt sehr viele unterschiedliche Ansätze, um sich der gewünschten Perfektion zu nähern. Wesentliche Punkte sind die eigenen Ansprüche an Performance und Komfort. Hier ein Gleichgewicht zu finden ist sehr individuell, aber möglich. Das schöne an der Arbeit mit Skischuhen ist, dass man Veränderungen sofort merkt und man dies dem Bootfitter seines Vertrauens auch gleich rückmelden kann.

Für mich haben sich die Innenschuhe mit Kork bewährt und ich werde wohl so schnell nicht mehr von diesen wegkommen – zumal ich hoffe, dass sie eine Ewigkeit halten.


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