Wer an die perfekte Skitourenausrüstung denkt, hat meist sofort den leichtesten Ski, den steifsten Schuh oder die innovativste Bindung im Kopf. Ein Ausrüstungsteil, das jedoch wortwörtlich über den Erfolg oder Misserfolg (und vor allem den Spaßfaktor!) einer Tour entscheidet, wird oft stiefmütterlich behandelt: das Steigfell.
In den letzten Jahren hat sich auf dem Fellmarkt extrem viel getan. Grund genug, etwas Licht in den Dschungel aus Klebern und Flor-Mischungen zu bringen.
Transparenzhinweis: Die österreichische Firma Contour stellt mir seit letztem Winter Felle zur Verfügung, weshalb ich deren Modelle hier exemplarisch für die verschiedenen Kategorien anführe.



Die Qual der Wahl beim Kleber: Wie hält das Fell am Ski?
Ein Fell kann noch so gut gleiten – wenn es nicht am Ski hält, wird die Tour zum Albtraum. Grundsätzlich unterscheiden wir heute drei große Kategorien bei der Befestigung:
1. Klassische Klebefelle (Schmelzkleber)
Der bewährte Klassiker. Hier sorgt eine stark haftende Klebeschicht dafür, dass das Fell bombenfest am Skibelag hält.
- Vorteile: Extrem zuverlässig, auch bei mehrmaligem Auffellen am selben Tag oder bei kalten Temperaturen.
- Nachteile: Das Handling. Klebefelle kleben nicht nur am Ski, sondern auch hervorragend aneinander. Wer bei stürmischem Wind auf dem Gipfel schon mal versucht hat, die obligatorische Trennfolie oder das Trennnetz faltenfrei zwischen die Felle zu bekommen, weiß, wovon ich spreche. Mühsam!



2. Vakuum- / Adhäsionsfelle
Diese Felle kommen ganz ohne klassischen Kleber aus und saugen sich durch Unterdruck an den Belag.
- Meine Erfahrung: Um ehrlich zu sein, habe ich mit dieser Technologie bisher keine guten Erfahrungen gemacht. Sobald die Bedingungen nicht laborartig perfekt sind (z. B. wenn sich Schnee oder Eiskristalle zwischen Belag und Fell schummeln) oder die Temperaturen sehr niedrig sind, lässt die Haftung drastisch nach. Für mich persönlich keine Option, auf die ich mich im alpinen Gelände verlassen möchte.
3. Hybrid-Kleber
Eine Kombination aus klassischen Kleber-Eigenschaften und leichter Handhabung. Generell lässt sich diese Technologie gut einordnen: Sie sind in der Handhabung etwas komplexer bzw. sensibler als klassische Klebefelle, jedoch wesentlich einfacher als reine Vakuum-Felle. Für mich waren die Hybrid-Felle von Contour eine absolut positive Überraschung!
- Vorteile: Die Felle lassen sich problemlos ohne Trennfolie zusammenlegen und mit minimalem Kraftaufwand wieder voneinander trennen. Das macht das Handling am windigen Gipfel zum Kinderspiel. Zudem lässt sich die Klebefläche bei Verschmutzung einfach abwaschen.
- Nachteile: Die erwähnte Sensibilität beim Auffellen. Weder auf dem Skibelag noch auf der Klebeseite des Fells darf Schnee sein, wenn man anfellt. Zudem reagiert die Hybrid-Schicht bei sehr starker Kälte etwas temperaturempfindlich. Wenn man das aber weiß und die Felle (wie es sich ohnehin gehört) während Abfahrten mit Wiederanstieg nah am Körper warmhält, funktionieren sie tadellos.



Das Material: Worauf gleiten wir?
Neben dem Kleber ist der sogenannte Flor (die Haare auf der Unterseite) entscheidend. Hier geht es um das Verhältnis von Grip (Rückhalt beim Steigen) und Gleiteigenschaft.
- Nylon (Synthetik): Ein echtes Grip-Monster! Nylonfelle verzeihen auch eine unsaubere Gehtechnik in steilen, eisigen Spuren. Der große Nachteil: Die Gleiteigenschaften sind eher bescheiden. Man hat ab und zu richtiggehend das Gefühl, dass das Fell bremst, während es eigentlich gleiten sollte. Sehr gut geeignet für Einsteiger, die primär auf Sicherheit beim Steigen setzen.
- Mohair (Naturhaar der Angoraziege): Das exakte Gegenteil. Mohair gleitet hervorragend und bleibt auch bei extremer Kälte geschmeidig. Dafür ist der Grip etwas geringer, was eine saubere, belastende Gehtechnik voraussetzt.
- Hybrid / Mix: Der Sweetspot. Eine Mischung aus Mohair und Nylon (oft im Verhältnis 70/30 oder 65/35). Je nach Zusammensetzung überwiegt der Grip oder das Gleiten. Für die allermeisten Tourengeher ist das der absolut beste und langlebigste Kompromiss.
Warum das Gleiten so verdammt wichtig ist (und massiv Energie spart)
Viele Tourengeher fokussieren sich beim Fellkauf ausschließlich auf den Grip. Dabei wird ein entscheidender physikalischer Faktor vergessen: die Gleitreibung.
Ein kurzes Rechenbeispiel: Bei einer Skitour mit 1.000 Höhenmetern machst du durchschnittlich etwa 4.000 bis 5.000 Schritte. Bei jedem einzelnen Schritt musst du den Reibungswiderstand des Fells überwinden. Wer auf Tour „geht“ (den Ski bei jedem Schritt anhebt), verschwendet Unmengen an Energie. Die effizienteste Gehtechnik besteht darin, den Ski in der Spur nach vorne gleiten zu lassen und den Schwung mitzunehmen.
Ein Fell mit schlechten Gleiteigenschaften wirkt bei jedem dieser 5.000 Schritte wie eine minimale Bremse. Was sich auf den ersten Metern noch harmlos anfühlt, summiert sich über Stunden zu einem enormen Kraftverschleiß. Genau deshalb setzen Skibergsteiger und Rennläufer (Skimo) fast ausschließlich auf 100% Mohair: Die Energieersparnis durch den geringeren Widerstand ist auf Dauer weitaus wertvoller als ein extrem aggressiver Grip.
Mein persönlicher Setup-Tipp: Ich nutze reine Mohair-Felle unglaublich gerne für meine breiten und schweren Ski. Warum? Durch die große Skibreite habe ich ohnehin massig Auflagefläche und somit ausreichend Grip. Das Mohair verringert die Gleitreibung drastisch und sorgt dafür, dass ich diese breiten Latten ohne unnötigen Kraftverschleiß den Berg hinaufbekomme. Kraft, die ich später für die Abfahrt brauche!




Mein aktuelles Line-up von Contour
Da mich immer wieder Fragen zu meinem Material erreichen, stelle ich euch hier kurz die drei Felle vor, die bei mir je nach Einsatzgebiet und Ski momentan auf Rotation laufen:
- Contour Hybrid Mix: Der moderne Allrounder. Die bewährte Mohair/Nylon-Mischung (Top-Grip und gutes Gleiten) kombiniert mit dem innovativen Hybrid-Kleber. Für mich das perfekte Fell für den Alltag, wenn man auf Trennfolien am Gipfel verzichten möchte. Ich nutze dieses Fell auch auf meinen breitesten Skiern: Die große Auflagefläche erlaubt es dem Hybridkleber, besonders gut zu haften. Auch mehrmaliges Auffellen an einem Tag war bei korrekter Handhabung (also Felle während der Abfahrt am Körper warmhalten, sauberer Belag und saubere Felle) bis jetzt absolut kein Problem.
- Contour Guide Mix 2.0 (Klebefell): Der verlässliche Begleiter für raue Bedingungen. Gleicher Materialmix wie das Hybrid, aber ausgestattet mit dem klassischen Schmelzkleber. Dieses Fell verwende ich primär für meine „Arbeits-Ski“. Da es bei Führungstouren, Kursen oder bei der Bergrettung nicht auf die perfekten Gleiteigenschaften ankommt, sondern auf absolut zuverlässiges Kleben am Belag und kompromisslosen Halt in der Spur, ist es hier meine erste Wahl. Auch wenn ich weiß, dass es extrem kalt wird oder ich mehrfach am Tag an- und abfelle, ist das mein Go-to-Fell.
- Contour Guide Pure 2.0 (Mohair Klebefell): 100% Mohair mit klassischem Kleber. Wie oben erwähnt: Das ist meine absolute Geheimwaffe für die breiten Freetouring-Ski und für sehr lange Touren, bei denen maximale Gleitfähigkeit gefragt ist.



Die richtige Passform: Länge und Breite beim Kauf
Ein kleines, aber wichtiges Detail beim Neukauf: Achte unbedingt auf die richtige Länge und Breite.
- Die Länge: Bei Fellen mit variablen Längenangaben solltest du darauf achten, dass deine Skilänge im Idealfall ziemlich genau in der Mitte der Herstellerangabe liegt. Das garantiert, dass das Spannsystem optimal funktioniert.
- Die Breite: Wähle dein Fell nicht zu schmal! Es ist extrem wichtig, dass der Bereich neben der Stahlkante (besonders unter der Bindung) ordentlich abgedeckt ist, sonst verlierst du bei Querungen auf hartem Schnee sofort den Halt. Als Faustregel: Bei einem Freerideski mit beispielsweise 140 mm Schaufelbreite (Tip) sollte das unzugeschnittene Fell keinesfalls schmaler als 130 mm sein.
Ein Tipp – die meisten Skihersteller bieten passende Felle zum Kauf an. Diese sind für den jeweiligen Ski ausgelegt und passen perfekt. Gerade am Anfang einer Skitouren-Karriere ist dies praktisch und im Set meistens auch günstiger.
Kurz und knapp zusammengefasst
Wer am Berg Kraft sparen will, braucht das richtige Setup unter dem Ski. Die wichtigsten Take-aways:
- Der Kleber: Klassischer Schmelzkleber bietet maximale Zuverlässigkeit bei extremen Bedingungen; Hybrid-Kleber punktet durch stressfreies Handling ohne Trennfolie.
- Das Material: Nylon bringt maximalen Grip (für Einsteiger), Mohair spart durch beste Gleiteigenschaften und minimierte Gleitreibung bei tausenden Schritten enorm Kraft (ideal für breite Ski und lange Touren) und der Mix-Flor ist der perfekte, langlebige Allrounder für fast jeden Tourentag.
Das richtige Fell spart entscheidende Körner im Aufstieg – und die brauchen wir schließlich für die Abfahrt!