Bretter die die Welt bedeuten – Anatomie eines Ski

Immer komplexere Beschreibungen sowie eingedeutschte Wörter und Fachausdrücke werden von den einzelnen Skiherstellern genutzt, um ihre aktuellen Modelle zu beschreiben. Aber was heißt nun early Taper, gerockert oder Carbonski?

In diesem Beitrag findest du einen Leitfaden zur „Anatomie“ beziehungsweise zur Konstruktion moderner Touren- und Freerideski.

Grundsätzlich sind sich moderne Ski sehr ähnlich was den Aufbau angeht – Belag (oder „Base“), Kanten, Untergurt, Holzkern, Seitenwangen, Obergurt und Topsheet. Hier kommt es tatsächlich auf die inneren Werte und die Rohstoffwahl sowie deren Qualität und vor allem ihren Eigenschaften im Verbund an.

Was alle hochwertigen Ski unabhängig von Gewicht und Rohstoffwahl gemein haben ist ein Holzkern, der bis in die Skienden reicht. Klassische Hölzer sind heimische Esche, Buche, Pappel und Erle oder tropische wie Paulownien.

Was die Form – den „Shape“ – angeht hat sich in den letzten Jahren und Jahrzenten sehr viel getan. Die Ski wurden breiter, bekamen mehr und dann wieder weniger Rocker. Es etablierten sich Twintips im Freeridesektor und auch Tourenskier mit modernen Formen wurden „state of the art“.

Sidecut

Der Sidecut beschreibt einfach gesagt die Form des Skis von Oben betrachtet. Er beschreibt die Breite an den weitesten Punkten (Tip und Tail), sowie an der schmälsten Stelle des Skis. Moderne Ski haben öfter neben der 3-teiligen Angabe von Tip – Mitte – Tail oft auch eine 5-teilige Angabe, die neben Radius und Skibreite auch über Early-Taper informiert.

Radius (oder Taillierung)

Hand in Hand mit dem Sidecut ist hier auch kurz der Radius eines Skis zu nennen, obgleich dieser im Touren- und Freeridesegment nicht mehr eine so große Relevanz hat wie im Pistenbereich, da sich im weichen Schnee Kurveneigenschaften sehr stark über Rocker und Flex beeinflussen lassen.

Die drei wesentlichen Punkte des Sidecut – Tip, Mitte und Tail – beschreiben ein Kreissegment, dessen Radius den des Skis wiedergibt.

In den letzten Jahren haben aber auch elliptische Radii in die Skibranche Einzug gehalten. Sei es stärker tailliert an Tip und Tail oder umgekehrt, sollen diese Formen vorteilhaft für Kurveneinleitung oder Stabilität und Kantenhalt sein.

Ein kleinerer Radius steht für drehfreudige und verspielte Ski, wohingegen ein größerer Radius für mehr Laufruhe und höheres Tempo steht. Je größer der Radius, umso mehr muss der Fahrer arbeiten, um den Kurvenradius klein halten zu können.

Der 2021 Ogso Schwarztor mit einer Vielzahl an Informationen – unter anderem auch der 20 m Radius.

Tip – die Skispitze

Die Tip – oder bei Ogso „Nose“ – ist für den Erstkontakt mit dem Schnee und dessen Eigenschaften – hart, pulvrig, zerfahren, etc. – verantwortlich. Konstruktion und Form sind hier maßgeblich für das Verhalten des Skis in diesen ersten Kontaktmomenten verantwortlich. Eine längere und hochgezogene Skispitze beispielsweise hebt den Ski über den Schnee und ermöglicht es Hersteller auch schmälere Ski mit guten Auftriebseigenschaften zu versehen. Eine kurze und steife Tip verlängert automatisch die Kontaktlänge und erhöht so den Kantenhalt.

Early Taper

Early Taper beschreibt den Sidecut an der Skispitze. Viele Ski haben ihren breitesten Punkt teilweise um zum Beispiel 30 cm nach hinten versetzt, was zu einer kürzeren Kante und so zu einem verspielteren Ski führt, ohne Abzüge beim Auftrieb machen zu müssen. Im Gegenzug verliert der Ski an der Tip Kantenlänge und somit auch Grip auf hartem Schnee und gibt auch weniger Feedback.

Der Ogso Danaides mit der, für Ogso typischen „Spatula Nose“ ©Ogso Mountainessentials

Rocker

Wohl eine der größten Errungenschaften des Freeridesports überhaupt!

Sehr oft ist der Übergang von der Tip zum Rocker fließend und nicht wirklich erkennbar. Hier kann man sich am Early-Taper orientieren, um festzustellen, was noch Tip ist und was Rocker.

Rocker ist im Prinzip ein dezentes auseinander ziehen der Ski vom Bereich vor der Bindung bevor die Tip eigentlich beginnt und die Biegung, welche Rocker und Tip beschreiben, stark auseinander geht. Auf flachen Untergrund wird so die Auflagefläche und Kantenlänge des Skis extrem verkürzt und ergibt einen extrem drehfreudigen Ski. Ein weiterer Benefit ist der verbesserte Auftrieb im Tiefschnee.

Legt man nun die eigentlich kurze Kante auf die Seite um eine Schwung einzuleiten, erhöht man automatisch die Kantenlänge und erhöht den Grip.

Nachteil extremer Rockerformen ist der verminderte Kantengrip auf Pisten oder hartem Schnee, der das Einsinken und so ein Nutzen der ganzen Auflagefläche verhindert.

Ski mit Rocker ermöglichen es den Fahrern längere Ski mit entsprechend mehr Auftrieb und Laufruhe zu fahren, ohne aber Abstriche bei Verspieltheit oder einfacher Kurveneinleitung machen zu müssen.

Der Ogso Corbets mit seinen extremen Rockerformen und der „Spatula-Nose“.

Early-Rise

Quasi der kleine Bruder zum Rocker ist Early-Rise. Im Prinzip das gleiche, die Formen sind aber wesentlich weniger ausgeprägt. So bietet ein Early-Rise einen guten Mittelweg, um den Auftrieb im Schaufelbereich zu verstärken oder den Kurvenausgang bzw. das Lösen der Tailkanten maßgeblich zu erleichtern, ohne auf hartem Untergrund zu große Einbußen beim Kantenhalt zu haben.

Camber

Camber ist der vorgespannte Bereich unter der Bindung, der die so entstandenen beiden Kontaktpunkte hinter Tip und vor der Tail verbindet. Der so gebildete Bogen wird beim Belasten des Skis durchgedrückt und ist bereits in Neutralstellung auf flachem Untergrund unter Spannung.

Eine lange und stark ausgeprägte Camber ergibt bereits ab Beginn der Vorspannung hinter der Tip viel Kantenhalt und Laufruhe. Man bekommt als Fahrer sehr viel Feedback und der Ski kann mit Druck nach vor oder veränderter Körperhaltung stark beeinflusst werden.

Nachteil einer langen Camber ist, dass man sehr viel arbeiten muss und auch viel Kraft benötigt, um dem Druck einer hohen Vorspannung standhalten zu können. Zusätzlich verzeihen solche Ski tendenziell weniger Fehler wie Ski mit viel Rocker.

Eine gängige Kombination moderner Freerideski ist entweder Tiprocker und Camber (mit eventuell early-rise im Tailbereich) oder Tip- und Tailrocker mit Camber unter der Bindung.

Tiprocker und Camber ermöglichen es dem Ski ein eher klassisches Gefühl mit konservativer Körperhaltung zu vermitteln, bei dem man vor allem am Kurvenausgang „hinten raus“ arbeiten muss, so aber viel Stabilität bekommt.

Rocker-Camber-Rocker ist inzwischen eine sehr gängige Form, die die Vorteile beider Formen kombiniert und so einen guten Kompromiss schafft.

Reverse Camber oder Fullrocker Ski besitzen keine klassische Camber mehr und bestehen nur noch aus Tip- und Tailrocker. Sie sind unter der Bindung flach und biegen sich kurz vor oder nach der Bindung bereits auf. So ergibt sich ein verspielter Ski mit sehr viel Auftrieb. Diese Form findet sich meistens bei extrem breiten Powderskiern, die in Gegenden mit extrem viel und fluffigen Schnee zum Einsatz kommen.

Der Ogso Couturier mit seiner langen Camber und wieder mit der „Spatula-Nose“

Sidewall – Seitenwangen

Entlang des Sidecut des Skis verläuft die Sidewall. Meistens besteht sie aus einem Kunststoff, der essentiell zur Dämpfung des Skis beiträgt, jedoch auch relativ schwer ist.

Ein gängiges Material sind ABS-Sidewalls, oder bei manchen Herstellern auch PU.

Bei kompletten Seitenwangen gibt es neben vertikalen auch Trapez-förmige, welche nur minimal unterschiedliche Eigenschaften aufweisen.

Einen wesentlichen Unterschied merkt man jedoch, wenn die Seitenwange Richtung Tip und Tail dünner wird und irgendwann verschwindet. Meistens ist diese bei leichten Tourenskiern zu finden, da eine sogenannte Semi-Cap Konstruktion die Vorteile einer Seitenwange mit Gewichtsreduktion kombiniert. Diese Semi-Cap geht oft in eine Full-Cap Konstruktion über, die komplett auf Seitenwangen verzichtet. Hier ist dann die Reduktion des Gewichts bzw. der Schwungmasse in Tip und Tail maßgeblich.

Core – der Skikern

Der Kern eines guten Skis baut sich über Belag und Kanten mit einem Untergurt aus Carbon und/oder Fiberglas auf. Meistens bestehen diese Kerne aus längs verleimten Hölzern unterschiedlicher Qualitäten. Je nach Anforderungen werden hier verschiedene Hölzer kombiniert und ergeben so die Basis der einzelnen Charakteristika eines jeden einzelnen Skis. Oben auf den Holzkern kommt dann der Obergurt, ebenfalls aus Carbon und/oder Fiberglas.

Carbon- und Fiberglasfasern werden sowohl in Längs- wie auch in Quer- bzw. Diagonalrichtung eingesetzt, um den Ski nicht nur der Länge nach steif zu machen, sondern um ihn auch gegen Verdrehen stabiler zu machen.

Carbon dämpft den Ski und trägt wesentlich zur Flexcharakteristik des Skis bei, ohne wirklich ins Gewicht zu fallen und wird ergänzend zum Fiberglas meistens in Streifen entlang der Skimitte verwendet.

Ein weiterer klassischer Werkstoff der Skiindustrie ist Titanal – eine Legierung aus Titan und Aluminium. In modernen Freeride- oder Tourenskiern wird Titanal meistens jedoch nur noch als „Bindungsplatte“ verwendet, um dort die Schrauben fester zu verankern und die Bindung so vor Herausreißen zu schützen.

Die Kombination aus dem Verhältnis Carbon – Fiberglas – Holz gibt dem Ski seine Eigenschaften wie Flex, Gewicht und Torsionssteiffigkeit.

Tail – das Skiende

Im Prinzip finden sich ähnliche Eigenschaften am Skiende wie an der Skispitze. Early Rise und Early Taper erleichtern das Lösen der Kante am Kurvenausgang, ohne beim Auftrieb im Tiefschnee Abstriche zu machen. Die Steigerung zum Early Rise wäre auch hier der Rocker.

Ski mit Early Rise oder Rocker am Skiende verzeihen mehr Fehler wie Ski mit Camber bis ans Skiende. Man findet diese Formen inzwischen vor allem bei abfahrtsorientierten Freerideskiern. Der Vorteil für den Anfänger ist klar – der Ski dreht extrem einfach und verzeiht viel. Der Vorteil für den Fortgeschrittenen ist, dass man den Ski aufgrund seiner Drehfreudigkeit weit über Körpergröße wählen kann und so mehr Auftrieb sowie Laufruhe bekommt und ihn dennoch halbwegs leicht drehen kann.

Mountpoint – der Montagepunkt der Bindung

Jeder Ski hat eine Angabe – meistens eine Markierung am Topsheet oder seitlich am Ski – wo der Hersteller empfiehlt die Schuhmitte bei der Bindungsmontage zu positionieren. Dieser Punkt ist von der Rocker-Form bzw. der Early-Rise und Early Taper abhängig und sollte zumindest ungefähr eingehalten werden – außer man weiß, was man möchte.

Geht man weiter Richtung Skimitte mit der Bindung wird der Ski nach hinten länger und ist drehfreudiger und wendiger. Nach vorne hin ist er kürzer und man braucht weniger Kraft, um Druck auf die Schaufel zu geben. Bei der Wahl des Montagepunktes geben Camber, Flex und Rocker „natürliche“ Grenzen vor, da der Ski irgendwann zur Tip zu kurz wird. Ist er auch zu steif, macht der Ski keinen Spaß mehr, da er eventuell noch auf der Piste halbwegs zu fahren ist, aber im Tiefschnee völlig „absäuft“.

Versetzt man die Skischuhmitte nach hinten, wird der Ski laufruhiger bei Tempo und hat mehr Auftrieb, jedoch ist er nicht mehr so drehfreudig.

Ein gutes Mittelmaß macht es hier aus und die Empfehlungen der Hersteller kommen meistens nicht von irgendwo. Wenn man verspielte Ski mag, kann man aber gerne einen oder zwei Zentimeter nach vor gehen. Wenn man begnadeter Geradeausfahrer ist, geht man einen oder zwei Zentimeter nach hinten.

Es gibt allerdings Ski, die eine sehr breite Herstellerangabe haben – z.B. der Atomic Bent Chetler 100. Hier muss man sich darüber im Klaren sein, wofür man den Ski einsetzen möchte: Im Park, dann Richtung True-Center – die längenmäßige Mitte des Skis; als Alltags-Ski, dann weiter zurück Richtung Empfehlung.

Topsheet

Das Topsheet ist meist eine bedruckte Schicht, die neben dem charakteristischen Skidesign auch mit den Informationen über den Ski versehen ist. Zusätzlich wird von Herstellern mittels spezieller Topsheets versucht, ein Anstollen von Schnee oder ein Vereisen der Oberfläche zu verhindern.

Twintip

Twintip-Ski sind Ski, die sowohl in Laufrichtung als auch dagegen eine Skispitze haben. Gerade für Tricks, bei denen man Switch – also verkehrt herum – landet, ist dies eine wesentliche Erleichterung.

Es gibt auch Ski, die komplett symmetrisch sind und ihre Montage-Empfehlung fast mittig haben – ein paar wenige Zentimeter vom True-Center nach hinten oder komplett mittig.

Flex

Der Flex beschreibt, wie steif der Ski ist. Tendenziell werden Ski zu Tip und Tail hin weicher, um entweder mehr Auftrieb zu generieren oder den Ski am Kurvenende leichter lösen zu können.

Je steifer ein Ski, desto mehr Kraft und Tempo brauche ich, um ihn in die Kurve „zu biegen“, aber gleichzeitig bleibt ein steifer Ski meistens stabiler bei hohem Tempo.

Ein harter Flex im Tail gibt hinten raus viel Stabilität, besonders bei Sprüngen. Eine zu harte Tail biegt sich aber nicht mehr in der Kurve, sodass sich der Ski in diesem Moment nicht mehr geschmeidig anfühlt, sondern eher wie ein Brett, bei dem es dann die Tip unter den Schnee zieht.

Ski mit Camber haben meistens um die Bindung einen harten Flex, der Richtung Tip und Tail kontinuierlich abnimmt, lediglich die Bereiche kurz vor Tip und Tail bzw. der Early-Rise sind etwas weicher. Rocker Ski erarbeiten sich ihre Drehfreudigkeit und ihren Auftrieb durch die Form und können durchwegs ziemlich steif bleiben.

Ein weicherer Flex ist einfach gesagt eher anfängerfreundlich. Kombiniert man das mit einem ordentlichen Rocker, hat man einen super drehfreudigen Ski, der auch nicht zu viel Kraft benötigt und Fehler verzeiht.

Ein Ski für einen fortgeschrittenen Freerider kann wesentlich härter sein und aufgrund von Rocker oder Early-Rise auch deutlich länger, um dem Fahrer mehr Laufruhe zu geben.

Ein Ski ist eine komplexe Kombination aus all diesen Faktoren und jeder hat seine Vorzüge. Wichtig ist, dass man als Skifahrer einen Ski finden muss, der für den eigenen Könnensbereich und Fahrstil passt. Ist man sich im Klaren darüber, wie unterschiedliche Formen und Eigenschaften das Fahrverhalten eines Skis beeinflussen, wird die Auswahl des optimalen Skis wesentlich einfacher und man hat mehr Zeit zum Shredden!

DisclaimerIch bekomme dankenswerter Weise von Ogso Ski zu Testzwecken, daher die vielen Fotos von Ogso Skiern.


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